Etikette / Balfolk gegen Rechts

Um allen Teilnehmern ein schönes Gefühl zu ermöglichen, gibt es natürlich auch beim Balfolk ein paar Regeln, die eigentlich selbstverständlich sein sollten.

Einladung und Tanzpartner

Offenheit

Beim Balfolk sind Alle willkommen, die im gegenseitigem Respekt miteinander tanzen wollen. Jede Person darf jede andere Person unabhängig vom Geschlecht zum Tanzen auffordern.

Es gibt zudem noch die passive Partnersuche: Am Rand der Tanzfläche einen Arm heben und anderen Suchenden einen Hinweis zu geben. Dies wird gerade bei Tänzen praktiziert, wo eine bestimmte Anzahl (4, 6 oder 8) an Tänzer/innen benötigt wird.

Rollenwahl

Jede Person darf bei einem Paartanz die Führung übernehmen. Auch ein Wechsel während des Tanzens ist im Einvernehmen möglich.

Nein sagen

Jede Person darf eine Aufforderung zum Tanzen höflich ablehnen, ohne Gründe nennen zu müssen.

Einfügen in Kettentänze

Wenn sich Ketten formieren, schaut nach, wo das Ende ist. Dort kann man sich einfach einhaken und mittanzen. Willst Du Dich irgendwo in die Mitte einfügen, frage höflich nach, ob Du dort noch rein darfst. Ein Nein kann viele Gründe haben; dann suche Dir woanders ein Platz.

Einfügen in kleine Kreistänze

Bei kleinen Kreistänzen (z.B. Rond de St. Vincent) finden sich oft Personen zusammen, die gut miteinander harmonieren. Wenn solch ein Kreis keinen mehr aufnehmen möchte, respektiere dies. Im Zweifel suche noch weitere Personen, die tanzen wollen und gründe einen neuen Kreis.

Miteinander auf der Tanzfläche

Gegenseitiger Respekt

Tanzen im Balfolk ist ein gemeinschaftliches Erlebnis. Wie geben jedem den Raum auf der Tanzfläche, den er braucht.

Feedback

Sei vorsichtig mit Rückmeldung. Balfolk ist kein Leistungssport. Frag nach, ob Hinweise für Verbesserungen willkommen sind. Wenn Du Dich beim Tanzen unwohl fühlst, versuche dies direkt anzusprechen oder im Nachgang zu informieren, was Dir nicht gefallen hat.

Du hast jederzeit das Recht, den Tanz abzubrechen.

Körperkontakt/Grenzen

Respektiere die physischen und emotionalen Grenzen des Gegenübers. Beide müssen sich mit der Nähe wohl fühlen. Speziell bei Paartänzen respektiere als führende Person, wenn Figuren nicht getanzt werden wollen.

Du hast jederzeit das Recht, den Tanz abzubrechen, wenn Du das Gefühl hast, dass Deine Grenzen nicht respektiert werden.

Kleidung / Hygiene

Bequemlichkeit

Es gibt im Balfolk keine Kleidungsvorschrift. Jeder erscheint in der Bekleidung, in der er sich wohl fühlt. Dennoch ist es erwünscht, dem Ball eine festliche Note zu verleihen. Dies muss aber nicht durch Frack oder Abendkleid geschehen.

Schuhe

Spezielle Tanzschuhe werden nicht benötigt. Die Schuhe ergeben sich aus dem Zusammenhang. Auf einem Festival mit Tanzzelten ist der Boden manchmal nicht so gut, wodurch teuer Tanzschuhe Schaden nehmen können.

Prinzipiell lassen sich die Tänze auch in Wanderschuhen tanzen. Nicht gut, aber möglich. Wanderschuhe passen dann zu einem verregneten Festival, aber nicht zu einem Ballsaal.

Atmosphäre / Sicherheit

Inklusivität

Jeder ist im Balfolk willkommen, speziell Neulinge. Der Balfolk ist eine freundliche und aufgeschlossene Gesellschaft.

Sicherheit

Jeder soll sich auf einem Balfolk wohl fühlen. Wenn ihr euch nicht sicher fühlt, sprecht die Veranstalter an. Nach kurzer Zeit erfahrt ihr, wer schon länger auf einem Balfolk tanzt. Ich könnt auch mit solchen Vertrauenspersonen sprechen.

Politik

Prinzipiell ist die Balfolk-Szene eine gesellschaftliche Subkultur, in der Freiheit und Akzeptanz Andersdenkender gelebt werden. Dennoch macht die politische Entwicklung der letzten Jahre notwendig, dass auch wir uns positionieren.

Balfolk ist und bleibt frei von politischen, religiösen oder anderen Werten. Jeder darf seine eigenen politischen, religiösen oder andere Werte haben und auch vertreten. Der Balfolk will aber keine Bühne bieten für entsprechende Diskussionen. Der Balfolk will trotz aller Unterschiede ermöglichen, dass alle unabhängig von ihren Einstellungen zusammen tanzen können. Durch unsere gelebte Freiheit hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Subkultur gebildet, mit Menschen, die politisch eher libertär einzuordnen sind.

Inspiriert vom Statement gegen Rechts möchten auch wir uns explizit abgrenzen. Einzelne Passagen haben wir wörtlich übernommen.

Verstärkt in den letzten Jahren sieht sich auch die Balfolk-Szene mit radikalen oder extremen Ansichten konfrontiert.

Rechte mögen Folkmusik

Naja, eigentlich Volksmusik. Dennoch sehen Rechte unsere Szene als kompatibel an, wo wir altes Liedgut und Tänze fortführen wollen. Weniger die politisch bekannten, teils offen rechts radikal agierenden Gruppen, die überwiegend politisch agieren. Eher esoterisch angehauchte Gruppen, welche Gemeinschaften aufbauen wollen. Besonders die Anastasia-Bewegung tritt hier aggressiv auf. Die im Balfolk gelebten Gemeinschaftstänze ermöglichen schnell, dass die Gruppe ein Gemeinschaftsgefühl ausbildet. Diesen Mechanismus zur Bildung und Festigung von Gemeinschaften sind in vielen Szenen beliebt, die inhaltlich fragwürdige Thesen vertreten.

Anastasia-Bewegung

Speziell die Anastasia-Bewegung versucht in den letzten Jahren aktiv Werbung auch auf Balfolk-Veranstaltungen zu machen. Auch auf großen Festivals wie dem Boombal-Festival in Belgien sind schon Flyer der Anastasia-Bewegung aufgetaucht. Die Bewegung stützt sich ideologisch auf die Romanreihe „Die klingenden Zedern Russlands“ von Wladimir Megres. Es gibt auch in der westlichen Literatur genug Beispiele, in denen rassistische, sexistische oder antisemitische Aussagen enthalten sind. Gefährlich sehe wir es nur, wenn (wie bei der Anastasia-Bewegung) dies Grundlage für eine Bewegung wird und dieser Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus offen gepflegt wird. Oder zumindest keine klaren Abgrenzung zu den rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Aussagen getroffen werden. Im Podcast des BR Seelenfänger – Staffel 1: Der AnastasiaKult wird dies ausgeführt.

Speziell auch im Bereich von Anhängern von Verschwörungsmythen ist die Anastasia-Bewegung erfolgreich, da diese Bewegung eine (vom Staat) unabhängige Parallelstruktur aufbaut und teils komplette Dörfer übernimmt.

Auch wenn Tanzveranstaltungen der Anastasia-Bewegung zu denen des Balfolk sehr ähnlich sind und zunächst eine vergleichbare, wohlige Atmosphäre darbieten: Unser Balfolk ist kein Träger einer Ideologie.

Stellungnahme gegen Rechts

Wir sagen ganz deutlich: Es gibt keinen Raum für menschenfeindliche Gesinnungen auf unseren Tanzfesten.

Wir sind gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie und alle anderen Formen von gruppenbezogener Diskriminierung. Wir sprechen uns gegen vereinfachende Erklärungen, Feindbilder und Verschwörungsmythen aus, die Misstrauen und Feindschaft gegenüber diskriminierten Gruppen schüren.

Wir stehen für ein offenes, möglichst differenziertes Weltverständnis.

Raum zum Wohlfühlen – für wen?

Exklusion von Gruppen mit bestimmten Ideologien, im Namen der Inklusion? Das klingt erst einmal widersprüchlich. Und es ist eine schwierige Gradwanderung, die wir alle im Einzelfall abwägen müssen. Die Balfolk-Szene lebt von Vielfalt und auch unterschiedlichen Strategien. Solange unsere offene Atmosphäre akzeptiert wird, sind alle Personen willkommen. Da wir nicht immer Flyer im Detail im Vorfeld kontrollieren können, darf bei uns nur Werbung für andere Tanzveranstaltungen gemacht werden, die ähnlich offen sind wie wir.

Wir erkennen auch an, dass auch wir die Prägungen einer rassistischen, sexistischen, patriarchalen Gesellschaft stetig weiter „verlernen“ müssen. Dass dieses Verlernen möglich ist, zeigt uns die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der Balfolk-Szene: Das Tanzen ist freier geworden. Tanzrollen lösen sich von traditionellen Geschlechterzuordnungen. Stattdessen wird zunehmend eine Funktionszuordnung (Führende/Folgende) in der Tanzvermittlung (Workshops) sprachlich verwendet.

Hier sind wir immer noch in einer Transformation und dürfen nicht stehen bleiben. In anderen Tanzformen oder Veranstaltungen sind teils Schutzräume notwendig oder die Teilnehmer müssen explizit noch einmal auf vernünftige Umgangsweisen hingewiesen werden. Diese Wohlfühl-Oase im Balfolk müssen wir uns verteidigen und ausbauen.

Um dies zu ermöglichen, müssen wir u.a. rechtsextreme Denkweisen von Balfolk-Veranstaltungen ausschließen.

Balfolk gegen Rechts

Dies ist eine lockere Gruppe im Balfolk aus dem deutschsprachigen Raum, die sich eindeutig gegen Rechts und andere diskriminierende Haltung positionieren. Kontakt kann über folgende E-Mail aufgenommen werden: diversity.balfolk@posteo.de

Vorräte an Liebe schaffen

Dies ist eine Handlungsanweisung aus dem Buch „Machtübernahme“ von Arne Semsrott. Eine von vielen kleinen Punkten, die wir als Teile der Gesellschaft aktiv machen können, um den Rechtsruck entgegenzustehen.

Daher wollen wir Balfolk aktiv als Raum der Solidarität schaffen und den Teilnehmern ein Gefühl der Geborgenheit und Liebe bieten. Wir wollen aktiv das Gefühl vermitteln, dass jede Person willkommen ist. Auch, indem wir weiter unsere Rücksichtnahme ausbauen und beim Tanzen auch an die Personen denken, die aus körperlichen Einschränkung nicht mehr die volle Bewegungsfreiheit haben. Nicht jeder Rentner kann noch so über die Tanzfläche hüpfen wie ein Jugendlicher. Dennoch möchten wir, dass Rentner und Jugendliche sich gleichermaßen auf unserer Tanzfläche wohl fühlen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *